Situation heute nicht so drastisch wie 2007
"Was letzte Woche passiert ist, ist ein Skandal", sagte WIFO-Agrarexperte Franz Sinabell im Interview mit der Austria Presseagentur (APA)über die starken Schwankungen des Weizenpreises, die insbesondere durch Berichte über die Dürre in Russland und das Moskauer Exportverbot angeheizt wurden. Gegenüber der APA sprach sich Sinabell für eine Regulierung der Spekulation auf "soft commodities", wie Weizen, Kakao oder Kaffee, aus. Ein vollständiges Verbot wäre jedoch falsch, schließlich würden Spekulationen dem Markt die nötige Liquidität gewähren, betonte er.
"Fairness ist das oberste Gebot für Spekulation", so Sinabell. Deshalb dürfe es nicht zu einer Konzentration wie am Kakaomarkt kommen: Der Londoner Hedgefonds Armajaro hatte im Juli rund 7% der weltweiten Produktion an Kakaobohnen aufgekauft. Daraufhin stieg der Preis auf den höchsten Wert seit 33 Jahren, 16 Händler reichten Beschwerde wegen Marktmanipulation bei der Londoner Terminbörse Nyse Liffe ein.
Spekulation führe vor allem zu kurzfristigen Schwankungen. Langfristig würden jedoch Exportstopps, wie jener Russlands für Weizen, die Preise viel stärker beeinflussen. Währungsschwankungen überlagern laut Sinabell solche Entwicklungen, da die meisten Geschäfte in US-Dollar gehandelt werden. Infolge des schwächeren Euro spüre Europa Bewegungen bei Rohstoffpreisen stärker als noch 2007.
Während kurzfristige Termingeschäfte in Europa eine untergeordnete Rolle spielen, machen sie in den USA rund 80% des Handels für Agrarprodukte aus, so Sinabell. Diese Geschäfte seien dort ein Standardinstrument zur Risikoabsicherung, da die landwirtschaftlichen Betriebe bis zur Ernte kaum Kredite zur Absicherung erhalten.
Für Schwellen- und Entwicklungsländer könnten Preissprünge bei Nahrungsmitteln katastrophale Folgen haben, wenn etwa steigende Weizennotierungen den Preis von Reis mitreißen. Langfristig würde diese Länder deshalb eine stärkere Diversifizierung der Agrarproduktion beständiger gegen Preisschwankungen und daraus folgenden Nahrungsmittel-Engpässen machen, empfiehlt der Experte.
Im Vergleich mit den starken Preissprüngen bei Rohstoffen in den Jahren 2007 und 2008 sieht Sinabell die Lage heute deutlich entspannter: Damals sei die Situation völlig neu gewesen, heute habe man mehr Vorwissen, die Liefersituation sei stabiler, unterstrich er. Auch die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) erwartet nicht, dass sich die Nahrungsmittelkrise aus den Jahren 2007/08 wiederholen könnte, weil Getreidevorräte in ausreichendem Ausmaß vorhanden seien.
Der Vorsitzende des AMA-Verwaltungsrates, Franz Stefan Hautzinger, hatte in diesem Zusammenhang vergangene Woche auf die Bedeutung der Intervention verwiesen: Es sei auch weiterhin auf EU-Ebene ein Mindestmaß an Marktsteuerung notwendig, schon allein, um die immer stärker werdenden Preisvolatilitäten zu bremsen.